Gefährliche
Mahlzeiten: Ernährung und Verhalten
Können Aggressivität, Unruhe oder Lernschwächen
durch eine falsche Ernährung ausgelöst werden? Kann sich
dagegen eine gesunde Ernährung positiv auf das Verhalten auswirken?
Und warum essen die Menschen eigentlich so viele ungesunde Sachen?
Dies sind die Ausgangsfragen für den folgenden Vortrag.
Beginnen wir mit dem Einfluss unserer Ernährung auf unser Verhalten.
"Wir unterschätzen, wie wichtig die Ernährung für
unser Verhalten ist", lautet der Standpunkt britischer Wissenschaftler,
die sich zur Aufgabe gemacht haben, nach wenig beachteten Ursachen
für Kriminalität zu suchen. In einem Experiment haben
diese Wissenschaftler versucht ihre Behauptung zu beweisen: In einem
englischen Jugendgefängnis verteilten sie an jeden zweiten
Insassen täglich eine Mischung aus Vitaminen und Mineralstoffen.
Die andere Hälfte der Gefangenen erhielt hingegen ein sogenanntes
Scheinmedikament ohne diese Zusatzstoffe. Das Ergebnis dieser Studie
ist erstaunlich: Nach neun Monaten war die Gruppe, die die Zusatzstoffe
erhalten hatte, deutlich seltener wegen aggressiven Verhaltens aufgefallen,
außerdem beging sie weniger schwere Verstöße gegen
die Gefängnisordnung.
Die Forscher überlegen jetzt, diese Studie auf andere Bereiche
der Gesellschaft auszudehnen. Warum soll, was im Gefängnis
wirkt, nicht auch in der Schule funktionieren. In den USA, wo seit
mehr als 20 Jahren über den Zusammenhang von Ernährung
und sozialem Verhalten geforscht wird; teilen bereits einige Schulen
zusätzliche Nährstoffe in Form von Tabletten aus. Dadurch
soll nicht nur die Gesundheit und Lernleistung der Jugendlichen
verbessert werden, sondern man will auch die Zahl der Schlägereien
und Sachbeschädigungen an der Schule verringern.
Aber Zusatzstoffe in der Nahrung können nicht nur positiv
auf das Verhalten der Menschen wirken, sondern auch genau das Gegenteil
bewirken. Solche Zusatzstoffe findet man häufig als künstliche
Farbstoffe oder Konservierungsmittel, besonders in Fertigprodukten
und sie wirken sich äußerst negativ auf die Psyche des
Menschen aus. So haben z.B. australische Forscher erst kürzlich
nachgewiesen, dass ein besonderes Konservierungsmittel für
Brot bei Kindern heftige Stimmungsschwankungen, Nervosität,
Schlafstörungen und Unaufmerksamkeit auslösen kann.
Aufsehen erregte im Mai 2003 ein Versuch an einer Schule in Südengland.
Dort wurde 14 Tage lang auf die Beigabe von künstlichen Zusatzstoffen
im Schulessen verzichtet. Die in den Klassen darauf folgende Ruhe
und Lernbereitschaft nahmen so erstaunlich zu, dass die Forscher
sich entschlossen, einen weiteren Versuch durchzuführen. Dafür
wählte man das fünfjährige Zwillingspaar Michael
und Christopher Parker aus, das auch bereits an der ersten Studie
teilgenommen hatte. In dem neuen Versuch überwachte man zwei
Wochen lang die Ernährung der beiden Brüder, deren Intelligenz
und Temperament sehr ähnlich waren. Während dieser Zeit
bekam einer der beiden Jungen Nahrung, die völlig ohne künstliche
Zusatzstoffe zubereitet war. Das Ergebnis der Studie war, dass der
gesund ernährte Junge nicht nur ruhiger und ausgeglichener
erschien, sondern bei Intelligenztests plötzlich um 15 Prozent
besser abschnitt als sein Zwillingsbruder.
Außer diesen künstlichen Zusatzstoffen können sich
aber auch ganz natürliche Nahrungselemente negativ auswirken.
So besteht z.B. die Vermutung, dass Zucker abhängig macht.
Biologen von der Princeton-Universität in New Jersey konnten
mit modernsten Methoden nachweisen, dass Ratten zu zittern begannen
und nervös wurden, wenn man ihnen ihre tägliche Zuckerration
entzieht.
Ich komme nun zum zweiten Teil meines Vortrags, in dem ich versuche
Antworten auf einige ungeklärte Fragen zu geben. Es stellt
sich z.B. die Frage, wie es dazu kommen kann, dass Menschen "Lebensmittel"
essen, die nicht gut für ihre Gesundheit sind; sondern sie
gefährden. Warum ernähren wir uns von Lebensmitteln mit
Zusatzstoffen, die uns nicht nur schaden, sondern uns darüber
hinaus dazu bringen, an der ungesunden Wahl festzuhalten? Eine mögliche
Antwort kann hier die Evolutionsbiologie liefern:
Denn die Grundlagen für unser Essverhalten sind sehr früh
entstanden. So war es vor Tausenden von Jahren in der Steinzeit
durchaus richtig, die süßeste Frucht zu pflücken,
sobald sie reif war. Unsere instinktive Begierde nach Zucker, Fett
und Salz stammt also aus Zeiten, in denen es darauf ankam, augenblicklich
zuzugreifen, gelegentlich sogar mehr als im Moment notwendig zu
essen, um sich Reserven für schlechtere Zeiten anzulegen. Der
Grund liegt darin, dass begehrte Speisen in der Frühzeit der
Menschheit schnell verbraucht waren. Häufig musste sogar um
sie gekämpft werden.
Heute dagegen reagiert die Lebensmittelindustrie auf wachsende
Nachfrage mit Massenproduktion. Früher mussten die Menschen
ihre Nahrung suchen, jetzt sucht die Nahrung uns. So wird der westliche
Durchschnittsbürger heute etwa 20 Mal am Tag mit dem verführerischen
Anblick leckerer Speisen konfrontiert. Jeder Supermarkt lockt mit
solchen Reizen: Gegenüber Apfeltorten aus Zucker, Sahne und
Eiern verlieren einfache Äpfel ihren natürlichen Reiz.
Gegen Kartoffel-Chips, die durch Fett, Salz und Geschmacksverstärker
an die Sinne appellieren, haben gekochte Kartoffeln kaum eine Chance.

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