Wozu schlafen wir?
Schon lange grübeln einfältige und gescheite
Köpfe über zwei eng verwandte Rätsel: Was ist Schlaf
und warum brauchen wir ihn?
Die Schlafforschung, die als eigenständiges
Fach erst seit knapp einem Jahrhundert existiert, hat inzwischen
eine Fülle an Erkenntnissen über den Schlaf zusammengetragen.
Sie entdeckte, dass im Schlaf Phasen mit schnellen Bewegungen der
Augen (rapid eye movements), so genannte REM-Schlafphasen, auftreten,
und zwar beim Menschen ebenso wie bei allen bisher untersuchten
Landsäugetieren. Sie wechseln in regelmäßigen Zyklen
mit Nicht-REM-Phasen ab, die man etwas vereinfacht auch als Tiefschlaf
bezeichnen kann. Während des Tiefschlafs stellen die meisten
Nervenzellen im Gehirn ihre Aktivität ein oder reduzieren sie
deutlich. Im REM-Schlaf sind sie hingegen genauso aktiv wie im Wachzustand;
hier haben wir unsere lebhaftesten Träume.
Doch trotz dieser interessanten Forschungsergebnisse
fehlt immer noch eine Antwort auf die Frage: Wozu ist der Schlaf
gut? Hinweise auf die Funktion des Schlafs kann ein Vergleich der
Schlafgewohnheiten verschiedener Tierarten geben. Es existieren
nämlich im Tierreich enorme Unterschiede, was die Schlafmenge
betrifft. So kommt beispielsweise ein Elefant mit drei bis vier
Stunden Schlaf am Tag aus, während ein Opossum etwa 18 Stunden
täglich döst. Dabei lässt sich feststellen, dass
die Schlafdauer mit zunehmender Körpergröße zurückgeht.
Die Erklärung dafür ist, dass kleinere Tiere einen schnelleren
Stoffwechsel als große Tiere haben. Durch den Stoffwechsel
werden die Gehirnzellen geschädigt, die sich erst im Tiefschlaf
erholen und „repariert" werden können. Je kleiner
das Tier und je aktiver der Stoffwechsel ist, desto größer
sind die Beschädigungen und desto notwendiger sind die „Reparaturarbeiten".
Für den REM-Schlaf allerdings gilt das nicht,
weil die meisten Hirnzellen während dieser Phase genauso aktiv
sind wie im Wachzustand. Hier vermuten einige Schlafforscher einen
anderen Zusammenhang: Danach hängt die REM-Schlafmenge davon
ab, wie hoch der Entwicklungsgrad der Tiere zum Zeitpunkt der Geburt
ist. So verbringen z.B. Schnabeltiere mehr als acht Stunden täglich
in dieser Schlafphase. Wenn sie geboren werden, sind sie völlig
hilflos und blind und bleiben noch wochenlang an das Muttertier
geklammert; sie sind also ausgeprägte "Nesthocker".
Dagegen sind Delphine, die schon von Geburt an schwimmen können,
typische "Nestflüchter" und brauchen fast keinen
REM-Schlaf. Eine mögliche Erklärung für diesen Unterschied
besagt, dass der REM-Schlaf den Nervenzellen der „Nesthocker"
die für ihre Entwicklung benötigten Reize gibt, die die
"Nestflüchter" durch ihre frühen Erfahrungen
mit der Umwelt bekommen.
Allerdings kann diese Theorie nicht erklären,
warum die Tiere den REM-Schlaf auch nach Abschluss ihrer Reifung
noch brauchen. Welchen Vorteil diese Schlafphase für erwachsene
Tiere und Menschen hat, ist daher nach wie vor unklar.
Worterklärungen
das Opossum: eine Rattenart
das Schnabeltier: ein Tier, das in australischen Seen und Flüssen
lebt

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